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Hilfreicher als der DAX: mein PIX

Hilfreicher als der DAX: mein PIX

Neben dem täglichen DAX gibt es auch Glücksindexe rund um den Globus. Die Psychologie hat das Glück seit langem ebenso entdeckt wie die Philosophie. Die Buchangebote blühen und die Inhalte klingen oft eher nach Reiseführern durch das Leben. In vielen Buchhandlungen liegen diese Werke meist vorne im Eingangsbereich und Ausgangsbereich, wo jede Kundschaft vorbei muss – und das meist in einem Slalomkurs. Glücks­buch neben Kochbuch oder Bestseller. Beste Lage für gute Umsätze. Aber ein Glücksbuch allein macht ebenso wenig glücklich wie ein Kochbuch satt.

Ganz oben auf den meisten Glücksskalen stehen Gesundheit vor Selbstbestimmung. Auf den nächs­ten Plätzen kommen Erfolg und Geld. Alles vorhanden? Dann müssten viele eigentlich rundum glücklich sein. Unerwartete Störungsfelder können leider immer wieder und sogar mehrfach durchziehen. Krankheit, Unfall, Trennung, Burnout, Mobbing, Einbruch, …

Und dann gibt es natürlich diese Glücksregionen wie Irland oder Hawaii oder das fast unbekannte Tal in Südwestasien als absoluten Geheimtipp. Und innerhalb Deutschlands ändern sich ab und an die Glücksgebiete zwischen Nord und Süd, Ost und West. Aber umziehen lohnt sich deswegen nicht. Man kann schließlich überall zu den Glücklichen und Unglücklichen gehören. Losgelöst von Wohnlage, Gehaltsklasse, Berufsfeld, Familienstand usw. Betrachten wir einfach das Leben als Gleichung mit oft plötzlich wechselnden Unbekannten und nur zwei absolut verlässlichen Konstanten: Geburt und Tod. Und dazwischen unendlich vielen Variablen, deren Werte nicht einmal von Sekunde zu Sekunde vorhersehbar sind. Und schon gar nicht deren gegenseitige Wirksamkeit und Überlagerungen. Änderungen kann es blitzschnell geben.

Schauen wir einfach mal uns an. Ob selbst betroffen oder Angehörige: An der Glücksspitze Gesundheit hat es doch ziemlich hart eingeschlagen. Gesundheit nicht nur temporär gestört, sondern dauerhaft. Aber deswegen gleich dauerhaft unglücklich? Auch kein schöner Gedanke.

Da hilft vielleicht erst einmal eine Neusortierung der Prioritäten: Anders als beim DAX können wir selbst und somit aktiv auf unseren PIX Einfluss nehmen – und sogar unsere Lieblingsmenschen als Unterstützungsteam gewinnen. Egal wie besch… unsere Lage ist.

Was macht Sie in Ihrer aktuellen Lage noch glück­lich? Was wünschen Sie sich besonders, um ein Fünkchen mehr an Wohlbehagen, Zufriedenheit zu spüren, zu fühlen, zu erreichen?

Streichen Sie aber aus der Wunschliste lieber schnell, was unerreichbar ist. Ersetzen Sie Defizite (negativ) durch vorhandene, verbliebene, neu erarbeitete Stärken (positiv). Werden Sie Ihr eigener Pfadfinder und suchen Ihre Wege und Ihre Inseln des Glücks – achtsam und individuell. Nicht irgendwann und irgendwo. Heute und für Sie erreichbar.

Die Basis dazu bildet Ihre aktuelle persönliche Bestandsaufnahme. Die Fortschreibung erfolgt ohnehin weiterhin und gewissermaßen automatisch: Morgens beim Aufstehen, beim Blick in den Spiegel, wenn man die früher selbst aktiv betriebene Sportart im Fernsehen sieht. Die Anlässe für Rückschauen durchziehen unseren Alltag und sind nur schwer auszublenden. Das muss und soll auch sein. Aber wir müssen diese Erinnerungen gleichzeitig überlagern mit guten Fortschritten seit dem Auftreten der Beeinträchtigung oder Behinderung.

Wenn Sie ein Tagebuch führen oder einen Kalender mit wichtigen Ereignissen, haben Sie schon Plätze der Dokumentation. In so einem „Therapeutischen Tagebuch“ sollten neben großen Veränderungen (nach oben wie auch nach unten) aber besonders kleine Fortschritte Platz finden: Linke Hand lässt sich wieder ganz öffnen, Glas mit beiden Händen gehalten, Bluse selber angezogen, kurzes Telefonat geführt, ohne Schmerzen durchgeschlafen. Hier können Sie sich vieles bewusst machen, was bereits klappt und was noch auf die Wunschliste kommt. Daraus entstehen als Nebenprodukt auch hilfreiche Gesprächspunkte mit Ihren Therapeutinnen. Und bitte nicht übersehen: Vieles geht in kleinen, ganz kleinen Schritten. Ist aber an sich nichts Neues. Ihre gesamte bisherige Entwicklungsgeschichte verlief doch ebenso – von klein an: Laufen, sprechen, essen mit Besteck, schreiben, lesen. Alles brauchte seine Zeit. Selbst damals ohne Einschränkung! Und ab und an ist auch ein Rückblick interessant: Was ging vor einem Monat, einem Jahr, zwei, drei, … Jahren noch oder noch gar nicht, besser, schlechter? Vielleicht erfreut das Ihre Seele oder gibt Ihnen Motivation für ein neues kleineres oder sogar größeres Ziel.

Stehaufmännchen

Es gibt leider keine Reset- oder Restart-Taste im Leben: Gestern war gestern, heute ist heute, morgen ist noch offen. Und vor allem: Es ist wie es ist, und es kommt wie es kommt. Lohnend ist dazu ein kurzer Blick in die aktuellen Forschungsgebiete der Psychologie. Das Stichwort dazu ist Resilienz: von (lat.) resilire und bedeutet zurückspringen oder abprallen. Resilienz hat von der Psychologie einen technischen Namen bekommen, der aber sehr anschaulich ist: In der Werkstoffphysik gelten Materialien als resilient, die auch nach extremer Verformung wieder in ihren Ursprungszustand zurückkehren wie etwa Gummi. Bei Menschen funktioniert das Prinzip ähnlich: Resiliente Menschen besitzen eine seelisch hohe Widerstandskraft und Beweglichkeit und sind deswegen psychisch weitgehend immun gegen viele Angriffe des Schicksals.

Es sind die sprichwörtlichen Stehaufmännchen. Man muss aber auch immer wieder aktiv daran ar­beiten. Einige Merkpunkte dazu könnten sein:

  • Ich achte stets auf mich selbst.
  • Ich kenne die Bereiche, in denen ich kompetent bin oder werden möchte.
  • Dafür wähle ich realistische Ziele.
  • Auch früher musste und konnte ich schon Krisen überwinden – und jetzt eben diese.


Eine Fotografin würde vielleicht raten: Nehmen Sie besser ein anderes Objektiv. Weg mit dem Weitwinkel- oder Teleobjektiv und her mit dem Makroobjektiv für die kleinen und ganz kleinen Dinge, die im Leben leicht übersehen werden. Dabei sind genau diese oft wunderschön, hoch interessant – und vor allem ganz nah und somit erreichbar! Betrachten wir doch unseren jetzt chronisch schwierigen oder beschwerten Gesamtzustand als neuen und völlig anderen Lebensabschnitt.

Beanspruchungen bitte auf Wohlfühl-Niveau

Eine Anmerkung vorab: Sie haben vor einigen Jahren einen vollen Kasten Mineralwasser noch mühelos und ohne Pause in den 4. Stock getragen? Heute machen Sie auf jedem Treppenabsatz eine kleine Verschnaufpause und stellen den Kasten ab? Oder Sie nehmen nur 3 bis 4 Flaschen im Korb mit? Die Be-LAST-ung ist über die Jahre identisch geblieben. Eben ein voller Kasten Mineralwasser. Die Beanspruchung für Sie hat sich aber deutlich spürbar verschoben. Als Beanspruchung bezeichnet man dabei vor allem die Folge der indi­viduellen Verarbeitung von unterschiedlichen Be­lastungen. Und genau auf Ihre Individualität (sowie die dazu passende Portion) kommt es auch hier wieder an. Einige knappe Beispiele zur Verdeutlichung: Neben physischer, muskulärer und sozial-emotionaler Beanspruchung existiert auch eine mentale. Eine solche Beanspruchung ist wie die Ermüdung oft spürbar aber schwer messbar. Es handelt sich lediglich um ein hilfreiches theoretisches Konstrukt. Es liefert somit kein quantitatives, sondern ein qualitatives Ergebnis. Die klassischen Elemente waren früher und vor allem in der Arbeitswelt physische Belastungen. Tragen, heben, laufen. In unserem Falle und in der modernen Arbeitswelt stehen sozial-emotionale, psychische, sensorische und mentale Belastungen sowie die sich daraus ergebende Beanspruchungen oft stärker und merklich spürbarer im Vordergrund.

Unterhalb der Belastungsgrenzen existieren Be­haglichkeitszonen. Sie stellen gewohnte und deshalb akzeptierte Belastungen dar. Und diese Behaglichkeitszonen sollten wir, wo immer möglich, bevorzugen. Wellness im Alltag. Wir müssen Sie nicht selten erst suchen oder darauf stoßen und gestoßen werden. Wenn wir aber eine solche Behaglichkeitszone gefunden und erkannt haben, heißt es festhalten. Festhalten in der Erinnerung, aufschreiben, beschreiben.

Es sollte am besten ein Behaglichkeitsbereich daraus entstehen können, der sich bewusst schaffen und gestalten und somit auch wiederholen lässt. Und belassen Sie es nicht bei nur einer Zone oder Insel. Überlegen und probieren Sie für unterschiedliche Anlässe und Orte verschiedene Varianten aus: Fahrt mit dem Taxi zum Untersuchungstermin – Erholungsphase anschließend im Café gleich neben der Praxis – Entscheidung, ob mit Bus oder Taxi nachhause oder doch lieber jemanden anrufen und sich abholen lassen.

Ermüdung und Erholung

Wichtig ist ebenfalls der realistische Blick auf Ihren individuellen Erholungsbedarf. So existieren selbst für Menschen ohne Einschränkung Maße und Faktoren für Belastungen im Arbeitsleben, für Alter, Größe, Geschlecht. Denken wir hierbei an Berufsgruppen wie Berufe hinterm Steuer, Flugpersonal usw. Diesen Gruppen sind maximale Arbeitszeiten, Traglasten usw. vorgegeben und müssen doku­mentiert werden. Dazu aber auch Ruhezeiten und Pausen. Und wie halten Sie es damit?

Erholungsbedarf

Ich gehe einmal davon aus, dass für den hier ange­sprochenen Personenkreis körperliche Arbeit eher im Sinne von körperlicher Betätigung erfolgen kann und nicht mehr den harten Vorgaben an manchen Arbeitsplätzen genügen muss. Somit sollten auch Erholungspausen flexibel hinsichtlich Abfolge und Dauer möglich sein. Dazu meldet sich unser Körper meist sehr zuverlässig mit deutlichen Erschöpfungssignalen (Atemlosigkeit, Pulsschlag, Schwitzen, Schmerzen, …) und wir sollten angemessen zügig, schnell, sofort reagieren.

Anders sieht es meist mit mentaler Belastung aus. Diese gibt es ja während vieler Wachphasen. Vom Aufwachen am Morgen bis zum Einschlafen am Abend einschließlich möglicher Schlafstörungen in der Nacht. Unterbrochen werden sie vom Mittags­schläfchen, dem Tiefschlaf vor dem Fernsehapparat oder im Konzert. Allerdings wenden sich viele Menschen mit zunehmendem Alter wie auch krankheits- und behinderungsbedingt mehr und mehr Beschäftigungen zu wie Lesen, Radiohören, Fernsehen, Spiele, Rätsel lösen, Computer. In der Arbeitswissenschaft ginge dies unter informato­risch-mentale Arbeit in die Bewertung ein mit die­sen Zuordnungen:

  • Sensorische Arbeit (Entdecken, Signale mit den Sinnen erfassen)
  • Diskriminatorische Arbeit (Erkennen, Identifizieren, Bedeutungen klassifizieren, Begriffsinhalte zuordnen)
  • Kombinatorische Arbeit (Entscheiden unter vielen Informationen, Rahmenbedingungen, Verknüpfungen).

Die Belastungen dabei sind oft nur schwer zu er­kennen und können dennoch rasch zu einer Über­beanspruchung führen. Denn wie bei Heimarbeit (oder heute auch Home-Office) ruft nun kein Gong mehr zur Pause und zur Entspannung mit dem Team. Sie müssen sich selbst darum kümmern. Und es geht dabei nicht nur um Behaglichkeit, sondern um Ihre Gesundheit. In der Folge von Corona und der massiven Ausweitung von Home-Office ist das sehr ausführlich diskutiert und auch erforscht worden.


Kumulation von Belastungen

Mehrere Belastungen führen zur Beanspruchung voneinander unabhängiger Organsysteme und diese wiederum zur Beanspruchung eines Organ­systems höherer Ordnung. Viele informatorisch-mentalen Arbeiten sind letztendlich eine Belastung für das Zentralnervensystem. Und rasch kann es zu einer Beanspruchungskumulation kommen. Das Zentralnervensystem hat dagegen eine Schutzfunktion. Es schützt seine Sinnesorgane vor einer Reizüberflutung durch Reduktion der Daten. Gleichbleibende Reize werden hierbei als unwichtig eingestuft und ausgeblendet. Das Gehirn beschränkt sich auf veränderliche Reize. Dies erklärt auch, weshalb blinkende Banner, schrille Musik, Discoblitze usw. viele Personen stören, belasten und stark beanspruchen. Discobesuche stehen bei uns sicher nicht mehr ganz oben auf der Tagesordnung. Aber diese Kumulation erleben wir ganz schnell in Alltagssituationen: Restaurant, voll, eng, laut, Kindergeschrei, turbulenter Nachbartisch, Rufe von hinten, könnten sie schnell, einen Moment, Telefonklingeln, … . Oder Einstieg in die volle U-Bahn, Straßenbahn, …. Ich spüre solche Beanspruchungen bis heute sofort, verkante bei meinen Bewegungen, wirke wie eingefroren. Und meine Frau registriert es ebenso: „Das hier ist wohl eher nichts für dich.“ So etwas erinnert mich dann schnell an die Fotostimulation während eines EEG, wenn das Gehirn mit hellem Flackerlicht vorsätzlich gereizt wird. Nur dort geschieht es unter sofortiger Interventionsmöglichkeit im Notfall.

Eine Ärztin erklärte mir das so: Das Bild das wir sehen entsteht durch Verrechnung des auf dem Kopf stehenden Bildes beider Augen + Aussagen des Gleichgewichtsorgans + Tastsinn + Nervenrezeptoren der Nackenmuskeln/Kopfgelen­ke. Diese Verrechnung braucht gute Prozessorleistung. Ist das Hirn durch Angst, Stress etc. blockiert, so rechnet das Hirn eben zu langsam. Klingt für mich logisch.

Reiz-Voll trifft Sinn-Los

Betrachten Sie Ihren gestrigen Tag, Ihre letzte Wo­che. Welche Momente würden Sie als reizlos, reiz­arm, reizend, reizvoll, überreizt einstufen? Und legen Sie neben die Reiz-Karte auch einmal die Sinn-Karte: Was war dabei sinnvoll, sinnfrei, sinnlos, unsinnig bis wahnsinnig?

Springen Sie jetzt in Ihrer Erinnerung einmal 20, 30, 40 Jahre zurück. Schauen Sie sich vergleichbare Situationen an. Und stellen Sie dabei auch fest, dass Sie nahezu identische oder gar höhere Belastungen damals kaum beansprucht haben? Heute dagegen sind oder wären Sie anschließend fix und fertig. Und wer trägt die Schuld daran? Allein Sie! Jedenfalls nicht das Alter und nicht die Krankheit oder Behinderung. Sie selbst müssen für mehr Achtsamkeit und mehr Selbstbestimmung sorgen.


Reize bewusst mindern

„Mit den Reizen etwas geizen“ war früher eine Empfehlung vieler Mütter an ihre Töchter. Doch damit hatten sie natürlich nicht an die Flut von Reizen gedacht, die uns heute oft unablässig durch den Alltag begleiten. Ob Radiowecker, Frühstücksfernsehen, Smartphone, Autoradio, Freisprechanlage, Laptop, Ohrhörer, Berieselung beim Einkauf, schrille Videos am Bahnsteig. Es herrscht rund um die Uhr Augen- und Ohrengraus. Man müsste fast mit Sonnenbrille und Ohrenklappen durch den Tag gehen, um sich vor diesen Umwelteinflüssen zu schützen.

Probieren und vergleichen Sie einmal bewusst aus, wie eine Stunde Radiohören und eine Stunde TV (sehen & hören) im Vergleich auf Sie wirken. Natürlich kommt es zusätzlich auf die Programminhalte an. Aber vielleicht spüren auch Sie, dass alltägliche Mehrfachbelastungen Ihrer Sinneskanäle Sie mittlerweile viel stärker beanspruchen?

Vergleichen Sie dazu ältere Filme aus den 60er Jahren mit heutigen Produktionen: Rasante Schnitte, Farbenpracht, Einblendungen, Musik wie in der Disco, Drehbuchszenarien für mindestens drei weitere Filme. Stellen Sie also auch dabei bewusst Ihr Wohlfühlprogramm zusammen. Weichen Sie aus auf Reiseberichte, Dokumentationen oder entspannende Filme, auch wenn diese schon eher in eine romantische Ecke abdriften. Das Aufzeichnen von Sendungen oder die Nutzung von Mediatheken bieten dabei ebenfalls Möglichkeiten zur Portionierung: Sie können die Sendung nicht nur zu einer Ihnen passenden Tageszeit abspielen, sondern Sie können zwischendurch ganz nach Bedarf eine oder mehrere Pausen einlegen. Sollten Sie solche Pausen benötigen, dürften Theater- oder Kinobesuche dann ohnehin eher schwierig werden. Oder Sie wählen vielleicht einen Sitzplatz in der Reihe ganz außen, um im kritischen Fall diskret hinaus zu können.

Die Bundespsychotherapeutenkammer hat inter­essanterweise in einer Proklamation gegen Folter 2008 die psychische Form neben die körperliche gestellt und den Entzug von Sinnesreizen oder sensorische Überreizung als eine Form benannt. Hat man öfter mit schwerhörigen Menschen zu tun, stellt man auch immer wieder fest, dass bei schlecht eingestellten Hörgeräten die Filterung der Geräusche je nach Umgebung nicht funktioniert und das zu überreizten Reaktionen führen kann.

Gibt es Multitasking im Gehirn?

Multitasking, wie wir es von Computern her ken­nen und dort beim Task-Manager im Zusammen­spiel der Aufgaben und Prozesse darstellen können, wird von der Neurowissenschaft als Mythos eingestuft: Mehrere komplexe Tätigkeiten kann das menschliche Gehirn nicht gleichzeitig ausführen. Ein Beispiel: Telefonieren (auch mit Freisprechanlage) und Auto fahren. Soll man ohnehin nicht tun, jedenfalls nicht ohne Freisprechanlage. Ein Team der Universität Utah hat dazu verschiedene Tests ausgewertet. Die Leistungsfähigkeit der Probandinnen sank dabei um mehr als 40 Prozent. Zulasten des Fahrens wie auch des Telefonierens. Gleichzeitig waren die Stress-Werte kräftig angestiegen. Die Fehlerquote war ähnlich hoch wie sonst nur bei betrunkenen Fahrern mit einem Promillewert von 0,8. Arbeitspsychologinnen haben das Phänomen ebenfalls über Jahre untersucht. Ihr Fazit: Neurobiologisch gibt es gar kein Multitasking. Das Gehirn kann sich nur auf eine, maximal zwei komplexe Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren. Musik hören und dabei den Gedanken freien Lauf lassen – das mag noch funktionieren. Wer aber ein Telefonat führt und gleichzeitig am PC arbeitet, tut nicht wirklich beides zur selben Zeit. Vielmehr wechselt das Hirn rasant zwischen beiden Tätigkeiten hin und her.

Wie kann das sein, wo doch bekannt ist, dass wir nur einen Bruchteil unseres Gehirns nutzen? Die Neurowissenschaft verweist auf die Funktion des Arbeitsgedächtnisses. Wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren, werden andere Sinneswahrnehmungen ausgeblendet. So ist es problemlos möglich zu bügeln und dabei zu telefonieren. Die eine Tätigkeit wird quasi ausgeblendet oder läuft als Routine automatisch ab. Kommt aber eine weitere komplexe Aufgabe dazu, sinkt die Hirnleistung drastisch. Dann wechselt das Gehirn rasant zwischen den Aufgaben hin und her. Eine Fähigkeit, die auch vom Alter abhängt: Kinder und Senioren haben bei diesen schnellen Wechseln häufig größere Schwierigkeiten.

Und liegen bei Ihnen neuronale Störungen vor, dann bewirken diese zumeist auch gewisse Automatisierungsstörungen. Das bedeutet, ein neuro­naler Routinevorgang, der eigentlich automatisiert und damit unbewusst ablaufen sollte, muss jetzt bewusst abgearbeitet werden.

Dadurch binden selbst einfach erscheinende Vorgänge mehr Res­sourcen im Gehirn und alles läuft mit geringerer Geschwindigkeit ab: Linke Hand mit Gabel zum Mund führen und mit der rechten Hand das Messer halten kann dann plötzlich zur echten Aufgabe werden. Lösbar aber anstrengend. Einfacher wäre es natürlich, alles zu schneiden und dann nur mit der Gabel aufnehmen.

Aber Übung kann ja den Meister machen. Deswegen sollten wir solche Ausweichmuster besser nur bei notwendigen Anlässen anwenden.

Ihr individuelles Profil

Es kann sehr hilfreich und interessant sein, wenn man sein individuelles Profil einmal zusammenstellt und auch regelmäßig aktualisiert. Vielleicht überlegen Sie sich dazu ein virtuelles Bewerbungsschreiben oder einen Leitfaden für ein Vorstellungsgespräch.

Sie könnten ebenso an ein Interview für eine Partnerbörse denken.

Lassen Sie dabei Ihre sehr individuelle Lebenslage nicht durch Dritte in ein Vergleichsschema einord­nen. Das Ranking-Spielchen „… die hat aber, der kann aber …“ bitte gleich ablehnen. Es hilft letzten Endes niemandem und kann oft in skurrile Wettbewerbssituationen oder gar zu in einer depressiven Schieflage führen. So gehören zu den ‚Lieblingsfragen‘ im Bekannten- und Freundeskreis deswegen solche Muster:

  • Wann fahrt ihr eigentlich wieder mal in den Winterurlaub?
  • Wohin wandert ihr am Wochenende?
  • Wollt ihr mit uns zum Kegeln gehen?
  • Ward ihr auch bei dem tollen Konzert am Hauptmarkt?
  • Radfahren geht wohl nie mehr, oder?

Der Alltag

Massive gesundheitliche Veränderungen streuen in alle Lebensbereiche. Ob Tagesablauf oder Nachtruhe, ob Essen, Trinken oder Feiern, Ausflüge, Reisen oder Wohnen. Und somit verändern sie natürlich auch die Partnerschaft, die Familie, Freundschaften, Nachbarschaften.

Manchmal spürt man dabei einen offenen oder stillen Vorwurf Richtung Egoismus mit. Ich kann und will das gar nicht abweisen. Auf der anderen Seite denke ich dann an die Bewegung Selbstbestimmtes Leben. Und das Gewissen wird wieder rein. Oder fast rein. Fertig aus. Selbstverständlich laufen daneben stetig Anstrengungen um gute Integration oder sogar Inklusion. Das Ziel ist einfach nur unbeschwerte, weil unbewertete Teilhabe.

Hilfreich wäre eine gegenseitige Portion Respekt vor individuellen Entscheidungen aller Beteiligten. Vor allem, wenn ich deutlich signalisiere, dass ich in dieser ganz konkreten Situation gewissermaßen mit dem Rücken zur Wand stehe.

Achtsamkeit? JA!

Achtsamkeit (engl. mindfulness) kann als Form der Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem be­sonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszu­stand verstanden werden, als spezielle Persönlich­keitseigenschaft sowie als Methode zur Verminde­rung von Leiden (im weitesten Sinne). Dabei kommt es jetzt nicht nur darauf an, dass andere auf Sie achten, sondern in allererster Linie, dass Sie auf sich selbst achten. Man könnte das auch als Selbstfürsorge beschreiben. Quasi Überlebensversicherung. Gerade in schwierigen Lagen passiert es schnell, dass Erwartungen, Forderungen, Ratschläge auf Sie zukommen oder gar niederprasseln, die Ihnen, bereits vorhersehbar oder dann spätestens bei der Realisierung, alles andere als gut tun. Und aus einem Nicht-Gut-Tun wird jetzt sehr schnell ein belasten, beanspruchen, schaden. Nehmen Sie sich Ihre Freiheit der Selbstfürsorge. Und nehmen Sie auch Anregungen, Hinweise oder gar Warnungen von Dritten ernst, denen Sie ver­trauen.

Egoismus? NEIN!

Egoismus (ego = ich) steht für Eigeninteresse oder Eigennützigkeit und wird auch als Ich-Bezogenheit oder Ich-Sucht bezeichnet.

Ein Egoist zeigt Handlungsweisen, bei denen einzig er die Handlungsmaxime bestimmt. Seine Handlungen haben dabei den eigenen Vorteil zum Zweck. Heute wird Egoismus meistens abwertend als Synonym für rücksichtsloses Verhalten verwendet und als negativ bewertet. Wenn Sie aber die Belange anderer respektieren und Ihr Handeln einen gerechtfertigten inneren Nutzen für Sie hat, hat das nichts mit Egoismus zu tun. Sie achten auf sich und somit auch auf Ihr Umfeld. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist ein gern zitierter Spruch aus der Bibel. Er zeigt aber deutlich die Notwendigkeit der Balance auf. Denn ohne gesunde Selbstliebe gibt es keine gesunde Nächstenliebe. Aber natürlich müssen wir gerade in unserer schwierigen Lebenssituation, in der wir häufig auf Dritte angewiesen sind, die realen Situationen und daraus resultierenden Auswirkungen unserer Entscheidungen und Handlungen abwägen: Wir tun uns Gutes und schaden dabei keinem anderen? Bekommen durch unser Handeln andere Menschen unmittelbar oder mittelbar belastende Auswirkungen zu spüren? Sollten wir unser Handeln fairerweise mit den absehbar davon Betroffenen abstimmen?

Schnell kommen da auch die Ebenen Angst versus Vorsicht ins Spiel. Und schon sind wir bei den aktuellen Themen Respekt und Toleranz.

Partner, Freunde, Familie halten solche Diskussionen aus. Aber es schadet auch nicht, wenn wir uns immer wieder selber den Spiegel vorhalten und uns fragen:

Könnten aber wir unsere Bedürfnisse auch einfach mal zurückstellen?

Das kann viel Dampf aus dem Kessel nehmen und die Basis für ein gutes Miteinander stärken.